Wie lebendig sind Osnabrücks Denkmäler?

Wann ist ein Denkmal überhaupt ein Denkmal? Bürgerbrunnen und Waschfrau am Vitihof: nein, Abluftsäule der Toilettenanlage an der Johannisfreiheit: ja. Nicht alle Skulpturen und Kunstobjekte, denen wir auf einem Spaziergang durch die Stadt Osnabrück begegnen, sind ausgewiesene Denkmäler. Um etwas über die Hintergründe zu erfahren, steigen wir in die Höhle des Löwen, in ein Denkmal.

Wer arbeitet in einem Denkmal?

Nur wenige Schritte vom Rißmüllerplatz entfernt führt ein schmaler Hausdurchgang in den Hinterhof des Grundstücks Bierstraße 7. Blickfang ist das älteste noch erhaltene Steinwerk Osnabrücks. Dieser wuchtige Steinbau aus den 1170er Jahren beherbergt heute das Amt für Denkmalschutz. Hier befindet sich der Arbeitsplatz von Helena Ammerich, die sämtliche Denkmäler der Hasestadt im Blick hat und weiß, warum es eben manchmal nicht zum Denkmal reicht.
Grundlage für die Ausweisung als Denkmal ist das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz. Ammerich nennt vier Kriterien, die für die Auswahl und Ausweisung als Denkmal eine Rolle spielen. Das Objekt muss eine über das normale Maß hinausgehende historische, künstlerische, wissenschaftliche oder städtebauliche Bedeutung aufweisen. Dies gilt auch für die „Abluftsäule“ an der Johanniskirche. Der gekachelte Entlüftungsschacht (1931) für die öffentliche Toilettenanlage steht als Denkmal für die damals aufkommende und in den Städtebau einbezogene Daseinsfürsorge im öffentlichen Raum.

Was wollte August Haarmann wirklich?

Eine Toilettenanlage rundete auch den von August Haarmann, Generaldirektor der Georgsmarienhütte, finanzierten und vom Bildhauer
Adolf Graef geschaffenen Haarmannsbrunnen ab. Über die Ausweisung als Denkmal bestehen keine Zweifel, die Intention des Denkmals aber ist bis heute strittig. Ältestes Arbeiterdenkmal Deutschlands für die einen, Erinnerung an ein Grubenunglück im Jahr 1898 mit neun Toten im Piesberg für die anderen. Oder „nur“ ein Brunnen der Arbeit, der die menschliche Stärke und Willenskraft bei der Erschließung natürlicher Rohstoffquellen zum Ausdruck bringen will? In jedem Fall aber symbolisiert dieses Denkmal den Schlussstrich unter die Diskussion über den Bau einer Hauptverkehrsstraße mitten durch Osnabrück, dem auch gleich der gesamte Herrenteichswall zum Opfer gefallen wäre. Außerdem besteht er zu großen Teilen aus dem Kunststein „Durilit“, den die damalige Firma Klöckner Durilit am Piesberg entwickelt hatte.

Gewollt oder geworden?

Es gibt gewollte und gewordene Denkmäler, stellt Ammerich gegenüber “Osnabrücker Wissen“ fest. Bei den gewordenen handelt es sich im Wesentlichen um Gebäude. Sie machen auch in Osnabrück den Löwenanteil des Denkmalbestandes aus. Gewollte Denkmäler sind beispielsweise Kriegerdenkmäler, Siegessäulen oder Personendenkmäler. Mit ihrer Errichtung verbanden die Auftraggeber bestimmte Botschaften, die sie den Betrachtern eintrichtern wollten. In Osnabrück stehen 34 derartiger Einzelobjekte. Während Baudenkmäler ortsgebunden sind, gilt dies für Einzelobjekte nicht unbedingt.

Wer wanderte vom Rathaus vor die VHS?

Viele Jahre lenkte Johann Carl Bertram Stüve (1798-1872) die Geschicke der Stadt Osnabrück. Von 1833 bis 1848 und von 1852 bis zu seinem Rücktritt 1864 war er Bürgermeister der Stadt. Er gilt als Mitinitiator beim Bau des städtischen Krankenhauses (1862-1864) und auch als einer der Wegbereiter der Osnabrücker Aktien Brauerei (1860-1987) am Westerberg. Nicht überraschend, dass ihm die Stadt Osnabrück post mortem ein Denkmal setzte.
Die Statue Stüves, 1882 vom Berliner Bildhauer Heinrich Pohlmann geschaffen, stand zunächst direkt vor dem Rathaus. 1935 musste sie dem gestiegenen Verkehrsaufkommen sowie den NS-Verbänden weichen, die den Platz vor dem Rathaus zunehmend für ihre Aufmärsche nutzten. Sie landete auf dem Mittelstreifen des Walls zwischen Vitischanze und Bürgergehorsam. Auch hier musste Stüve Ende der 60er Jahre dem Verkehr weichen und zog vor das ehemalige städtische Krankenhaus, heute Sitz der Volkshochschule.

Sind Kriegerdenkmäler noch zeitgemäß?

Ein ähnliches Schicksal ereilte das am 9. August 1880 zu Ehren der Gefallenen des Krieges von 1870/71 auf dem Neumarkt errichtete Kriegerdenkmal. Es wurde 1928 ebenfalls dem wachsenden Verkehr geopfert und steht heute, ohne die einstige metallene Siegesgöttin Germania, auf dem Straßburger Platz. Die noch im Stadtgebiet existierenden 12 Kriegerdenkmäler rückten anlässlich der Gedenkveranstaltungen zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 plötzlich wieder in den Fokus. Ihre Bedeutung für die Menschen ist heute sehr ambivalent. Einige nehmen sie überhaupt nicht mehr wahr, andere würden sie am liebsten entfernen, wieder andere wollen sie unbedingt erhalten als Mahnung für kommende Generationen. Kein Wunder, dass bei einer derart diffusen Einschätzung die jüngste Kunstaktion von Volker Trieb teilweise heftige Reaktionen auslöste. Für sein temporäres Mahnmal zum Thema „1914/1918 – Hundert Jahre Erster Weltkrieg“ verteilte er 32 Blöcke aus dem Holz kriegsgezeichneter Eichen, versehen mit Zitaten aus Kapitel 6 des Antikriegsromans „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, im gesamten Stadtgebiet. Zu Denkmälern werden derartige Kunstobjekte in Zukunft wohl eher nicht.

Seit wann boomt der Denkmalschutz?

Anders sieht es da schon bei der Gedenktafel für die jüdischen Opfer der Nazis in Osnabrück am Markt aus. Heute noch „zu jung“, könnte dies in ferner Zukunft anders aussehen. Ammerich weist auf einen wesentlichen Aspekt bei der Ausweisung als Denkmal hin: die Distanz. „Wir bemühen uns so neutral wie möglich an die Beurteilung eines Objekts heranzugehen und dabei immer die historischen Bezüge im Blick zu behalten“, sagt Ammerich. So erfuhr der Denkmalschutz in den 60er/70er-Jahren einen enormen Schub. Angesichts der vielerorts anrückenden Abrissbirnen, die den Weg für Neues ebnen sollten, startete das Land Niedersachsen Anfang der 80er-Jahre mit der Inventarisierung der Kulturdenkmäler. In den 90er-Jahren wurden daraufhin die ersten Bauwerke aus den 50er/60er-Jahren unter Schutz gestellt. Darunter auch das Gebäude der Stadtbibliothek am Markt (Anfang 60er Jahre). Eine Entscheidung, die bei vielen Osnabrückern auch heute immer noch auf Unverständnis stößt.

Wer schafft den Sprung zum Denkmal?

Dabei geht es um den Erhalt von Zeugen der in der wirtschaftlichen Aufbauphase prägenden Bauweisen. Andere Objekte sind wohl einfach noch nicht reif für die Ausweisung als Denkmal. Wie beispielsweise die das Stadtbild prägenden Werke des Osnabrücker Künstlers Hans-Gerd Ruwe (1926-1995), der „Bürgerbrunnen“, die „Waschfrau“ oder der „Spezialist“. Andere Objekte schaffen den Sprung zum Denkmal nur deshalb nicht, weil es sich um Repliken handelt. Dies betrifft insbesondere das Ebert-Erzberger-Rathenau–Denkmal am Herrenteichswall. Errichtet am 1.7.1928, zerstört von den Nazis 1933 und in den 80er Jahren wieder aufgebaut. Die meisten Kunstobjekte in Osnabrück sind also keine Denkmäler im Sinne des Gesetzes. Auf ihre Wahrnehmung muss dies aber keinen Einfluss haben. Denn jenseits der denkmalschützerischen Bedeutung nutzen die Osnabrücker die Objekte nicht nur als Hinweise auf Geschichte und Persönlichkeiten, sondern auch als dekorative Elemente, Orientierungs- und Treffpunkte.

Wo ist des Pudels Kern?

Die Osnabrücker kennen und lieben ihn, haben ihn verharmlosend zu ihrem „Löwenpudel“ ernannt. Was aber verbirgt sich wirklich hinter dieser in stoischer Ruhe vor dem Domportal sitzenden Gestalt? Helena Ammerich kennt die mit ihm verbundene Geschichte, in der Karl der Große eine wichtige Rolle spielt, natürlich auch. Gleichwohl habe sie mit der tatsächlichen Bedeutung der Statue herzlich wenig zu tun. Ein Vorgänger der heutigen Statue steht bereits im 18. Jahrhundert nur wenige Meter entfernt, muss aber der 1785 fertiggestellten Land- und Justizkanzlei, der späteren bischöflichen Kanzlei, weichen. Während der französischen Besatzung Osnabrücks Anfang des 19. Jahrhunderts wird sie im Zuge der Einebnung des Domfriedhofs abgerissen. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts stellt man sie auf Betreiben des Bürgermeisters Stüve wieder auf (im Rahmen der Neupflasterung des Domhofes), im September 1865 stürzen Unbekannte sie nachts vom Sockel. Die Täter bleiben unerkannt. Die Statue wird saniert und 1866 wieder aufgestellt. Später wechselt sie ins Museum und taucht erst am 3. November 1925 wieder am bekannten Standort auf. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs kippt der Löwenpudel erneut vom Sockel – um dann 1948/49 restauriert zu werden.
Das Original steht heute geschützt im Museum, vor dem Dom thront eine Replik aus dem Jahr 1925. Trotzdem handelt es sich hier wohl um das älteste Denkmal Osnabrücks. Denn die denkmalgeschützte Replik markiert den für 1331 nachgewiesenen ältesten Denkmalstandort Osnabrücks, den mittelalterlichen Ort des landesherrlichen Gogerichts. Des Pudels Kern liegt wie so oft im Verborgenen.

Welche Literatur gibt‘s zu Denkmälern in Osnabrück?

Einen Überblick über die Denkmäler der Stadt Osnabrück liefert momentan nur das Buch „Baudenkmale in Niedersachsen. Stadt Osnabrück. Bd.32“, Hrsg. Niedersächsisches Landesverwaltungsamt, 1986 (Stadtbibliothek, Restexemplare bei Bücher Wenner, Antiquariat). Einen Überblick über die Kunstwerke im öffentlichen Raum der Stadt Osnabrück gibt das leider vergriffene Buch „Kunst im öffentlichen Raum“, das aber online verfügbar ist:

http://www.osnabrueck.de/fileadmin/kunst-oeffentl-raum-5.pdf

Weitere Infos zum Top-Thema:

Jährlicher Tag des offenen Denkmals
http://tag-des-offenen-denkmals.de/thema/

Informationen zum Kunstprojekt von Volker Trieb:
http://www.atelier-trieb.de/aktuell-projekte/artikel/projekt-damals-nicht-jetzt-nicht-niemals-2.html

Kontakt zum Amt für Denkmalschutz (Denkmalpflege)
Mail: staedtebau@osnabrueck.de
Adresse: Bierstraße 7 ∙ 49074 Osnabrück

Ausgabe 8, 3/2014 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

Fotos © Yörn Kreib; Jana Lange