Wie wichtig sind Vereine in Osnabrück?

Denken wir an Vereine, denken wir an Schützen, Karnevalisten, Kleingärtner und Sportler. Das Vereinsleben als soziale Wärmestube, fröhliche Partymeile, grünes Idyll oder Leistungsschau. Unpolitisch aber ist das Osnabrücker Vereinsleben keinesfalls. Kulturelle, ökologische, soziale, politische und Menschenrechtsvereine zeugen von der ungebrochenen Attraktivität dieser  Organisationsform. Ein Blick zurück verrät: Vereine haben maßgeblich an der Geschichte der Stadt Osnabrück mitgeschrieben – und machen dies bis heute.

„Osnabrücker Vereine waren zwar kaum Impulsgeber über die Stadt hinaus, aber gerade die Durchschnittlichkeit macht diese Vereinsgeschichte zu einem perfekten Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt Dr. Thorsten Heese, Kurator für Stadtgeschichte am Kulturgeschichtlichen Museum. Im Auftrag des Traditionsvereins „Osnabrücker Club“ hat er sich über eine gefühlte Ewigkeit hinweg durch Stadt- und Vereinsarchive gewühlt und die Vereinsgeschichte in der Hasestadt nachgezeichnet.

Was las die Gesellschaft?

Für das aufstrebende Bürgertum im 18. Jahrhundert bildeten Vereine erstmals ein Medium zur freien, selbstbestimmten Versammlung jenseits der bestehenden festgefügten Ständegesellschaft. Hier konnte das „Intelligenzbürgertum“ sein Bedürfnis nach Information und Kommunikation ausleben. Vereine wurden rasch zu Orten der politischen Bewusstseinsbildung. Der Bildungsaspekt nahm von Beginn an einen sehr hohen Stellenwert ein.
Zur Informationsbeschaffung wurden in Osnabrück bereits in den 1760ern erste Lesezirkel gegründet. Zweck war der gemeinsame Bezug von zunächst noch sehr teuren Zeitungen. Die später sinkenden Kosten begründeten in der Folge das Aus der Leseclubs. Der Bezug der wichtigen überregionalen Zeitungen und Magazine blieb aber wesentlicher Bestandteil der meisten ab Ende des 18. Jahrhunderts gegründeten Vereine. Selbst Sport- und Gesangsvereine verfügten über zum Teil umfangreiche Bibliotheken.

Wo traf sich die Elite?

Der Zweck erschien unspektakulär. Die Gründungsmitglieder des 1793 etablierten „Club zu Osnabrück“ strebten nach gemeinsamer Unterhaltung, Beisammensein und Geselligkeit. Im Vereinslokal am Markt 14 wurde diskutiert, gegessen und getrunken – dabei entwickelte sich das Vereinsleben durchaus zu einer Art demokratischen Experimentierfelds (z.B. Vorstandswahlen, Aufnahmewahlverfahren neuer Mitglieder). Der rasche Anstieg der Mitgliederzahlen bewegte den Club zum Umzug in ein neues Clubhaus am Martinitor. Die integrierte Vereinsgastronomie führte zu massiven Konflikten mit den Gastwirten in Osnabrück, die hier eine unliebsame Konkurrenz erkannten. Eine Problematik, der sich Gastwirte angesichts zahlreicher Vereinsheime auch heute noch stellen müssen.

Wer holte die Kultur aus den Adelsschlössern?

Die Mitglieder setzten auf Exklusivität (bis heute!) und sahen sich als „Gesellschaft der ersten und angesehensten Männer“. Hier trafen sich Adelige, Offiziere, hohe Beamte, Kaufleute und Advokaten. Schnell wurde der Club mehr als nur ein Diskussionsforum und auch zur Anbahnung von Geschäften und Karrieren genutzt. Und darüber hinaus, für uns heute kaum mehr vorstellbar, zum ersten öffentlichen Veranstaltungsort von Lesungen, Vorträgen, Konzerten und Tanzveranstaltungen. Derartiges fand bisher nur in den geschlossenen Adelskreisen statt.

Welche Nachfolge trat die Stadthalle an?

Kulturveranstaltungen waren auch ein wesentlicher Bestandteil des 1899 errichteten „Osnabrücker Vereinshauses“ am Kollegienwall. Ein aus katholischen Kreisen heraus gegründeter Aktienverein (Verein mit wirtschaftlichen Zielen; spätere Aktiengesellschaft) stand hinter diesem Projekt. Der Wirteverein Osnabrück witterte den Versuch, der „Aktienbrauerei Osnabrück eine neue, möglichst alles beherrschende Absatzquelle zu verschaffen“. Im Zweiten Weltkrieg wurden sowohl das Haus des Clubs als auch das Vereinshaus bei Bombenangriffen zerstört. Ihre Nachfolge trat die 1979 in räumlicher Nähe zum Clubhaus errichtete Stadthalle an.

Was wurde aus den Vereinen?

Die beiden exklusiven Osnabrücker Vereine, der Club zu Osnabrück (heute: Osnabrücker Club) und der Harmonieclub (1952 Anschluss an den Osnabrücker Club), fanden jedoch rasch Nachahmer. Immer mehr Osnabrücker erkannten das Potenzial einer Vereinsgründung. Sie schlossen sich zusammen, um ihren gemeinsamen Interessen Gehör zu verschaffen. Mitte des 19.Jahrhunderts kam es zu einem wahren Vereinsboom. Die Verwaltung versuchte, den Überblick über die Vereinslandschaft zu behalten und reagierte 1900 mit der Einführung des Vereinsregisters.
Das Vereinsleben wurde vielfältiger und erreichte nun auch breitere Bevölkerungskreise. „Es ist sowohl Ausdruck als auch Medium innovativer gesellschaftlicher Impulse, die Aufklärung und Französische Revolution mit sich bringen“, erklärt Heese. In Osnabrück entstanden erste Frauenvereine (ab 1814), die „Loge zum Goldenen Rad“ (1807), Bürgerverein (1831), „Neue Liedertafel“ (1835), „Verein zur Erhaltung und Beförderung vaterländischer Schönheiten“ (1835), Kriegervereine (ab 1871), Turnvereine (ab 1898), Aktienvereine, Bauvereine, Handwerkervereine, Arbeitervereine, Unternehmervereine, Vorschussvereine u.v.m. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich daraus Organisationsformen entwickelt, mit denen wir heute vertraut sind: Politische Parteien, Handwerkskammer, Gewerkschaften, Kranken- und Sozialversicherungen.

Welches fliegende Nachrichtenmittel wurde im Ersten Weltkrieg eingesetzt?

Manche Vereine wurden von den Nazis aufgelöst oder gingen im angestifteten Vernichtungskampf unter, manche lösten sich nach Erreichen des Vereinsziels (Bau eines Denkmals) selbst wieder auf, andere fusionierten, neue sind entstanden. Vereinsgeschichte ist dynamisch und korrespondiert mit den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen. Auf Blütezeiten folgen Durststrecken, davon können die Taubenzüchtervereine ein Lied singen.
1886 euphorisch als Verein „Brieftaube“ ins Leben gerufen, fusionierte der Verein bereits 1910 mit „Kriegspost“ und „Heimatliebe“ zu einem 90 Mitglieder und 600 Tauben starken Verband. Förderung kam vom Staat, denn die „Verwendung der Brieftauben als Nachrichtenmittel im Krieg“ stand kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf der Agenda. Heute sterben den Brieftaubenzüchtervereinen die Mitglieder weg, heißt es vom deutschen Brieftaubenverband. Mitgliederschwund ist auch für andere traditionelle Vereine (z.B. Gesangsvereine) zu einer existenziellen Bedrohung geworden.

Was machen Balu und Mogli in Osnabrück?

Die bloße Anzahl von Mitgliedern ist jedoch kein Gradmesser für die gesellschaftliche, politische, soziale oder kulturelle Bedeutung des Vereins. Prof. Dr. Hildegard Müller-Kohlenberg bezeichnet den von ihr 2005 mitgegründeten Verein „Balu und Du“ denn auch als schlank. „Der Verein liefert das organisatorisch notwendige gemeinnützige Haus (z.B. zur Bescheinigung von Spenden) für das bunte Getümmel im Netzwerk der bundesweit 60 Standorte“, erklärt sie gegenüber „Osnabrücker Wissen“.
Der Verein führt 17 – 30-jährige Mentoren (= Balus) mit Grundschulkindern aus den 1. – 4. Klassen (= Moglis) in einer beeindruckenden Win-Win-Situation zusammen. Einmal wöchentlich treffen sich Balu und Mogli, um gemeinsam Kekse zu backen, in den Zoo und ins Kino zu gehen oder Fahrrad zu fahren. Nach einem Jahr endet das offizielle Programm, in über 50 Prozent der Fälle halte die Freundschaft aber über diesen Zeitraum hinaus. Während die Mentoren wichtige Schlüsselqualifikationen erwerben, lernen die Kinder soziales Verhalten, verbessern Konzentrations- und Durchhaltevermögen. Ihre Grundstimmung wird nachweislich positiv beeinflusst, die Kinder werden fröhlicher, freut sich Müller-Kohlenberg.

Wer lässt die Puppen tanzen?

Ein Grund für diese Fröhlichkeit könnte der Besuch im Figurentheater, einem Kleinod der Osnabrücker Kulturszene, sein. Wie einst auch das Kulturgeschichtliche Museum, verdankt es seine Entstehung äußerst engagierter Vereinsarbeit. Vereint geht alles besser, dachten sich die sechs kleinen Figurentheater-Reisebühnen aus Osnabrück und Landkreis und gründeten 1988 den Verein „Figurentheaterinitiative Osnabrück“.
„Mit dem gemeinsamen Veranstaltungsort Alte Fuhrhalterei in der Osnabrücker Altstadt schuf sich der Verein nicht nur eine gemeinsam zu bespielende Theaterbühne, sondern auch einen Ort der Kommunikation, des Austausches“, sagt Gabriele Mertins. Gleichzeitig verhalf dieser feste Ort dem Figurentheater überhaupt erst zu seiner Stellung im kulturellen Leben Osnabrücks, da ist sich Gabriele Mertins ganz sicher.
Ein regelmäßiger Spielplan sorgt für Konstanz und etabliert sowohl Ort als auch das Genre „Figurentheater“ in den Herzen und Köpfen der Osnabrücker. Die einzelnen Reisebühnen verdanken diesem Haus für Figurentheater die Möglichkeit, gemeinsame Projekte zu entwickeln, Experimente zu wagen und neue Wege zu gehen. Bietet doch gerade das Genre Figurentheater eine große Fülle an künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die in einer festen Spielstätte leichter zu verwirklichen sind. Außerdem ermöglicht ein als gemeinnützig anerkannter Verein natürlich auch das überlebenswichtige Einsammeln von Spenden. Denn ohne eine Grundförderung (bisher durch die Stadt) ist ein derartiges Projekt nicht zu realisieren. Die Spuren des früheren genauso wie des heutigen Vereinslebens sind in Osnabrück unübersehbar: Denkmäler, Museen, Zoo, Figurentheater, Lagerhalle, Ossensamstag, die Farbe Lila … Ohne Vereine fehlt der Stadt etwas. Vereine wird es auch in Zukunft geben, auch wenn der Trend zur Individualisierung eine gegenläufige Entwicklung nahelegt. Gerade für kleine Gruppen, die besondere Interessen und Ziele vertreten, da ist sich Heese sicher, wird der Verein immer ein interessantes Medium bleiben. Er ist einfach und zeitnah zu gründen – und mit einem Verein können sie sich öffentlich Gehör verschaffen.

Osnabrücker Wissen bedankt sich insbesondere beim Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück für die freundliche Genehmigung zur Nutzung eines Großteils der Bilder in diesem Artikel.

Vereinsgründung
Im Vereinsregister des Amtsgerichts Osnabrück werden aufgrund der Registerkonzentration alle Vereine eingetragen, die ihren Sitz im Landgerichtsbezirk Osnabrück haben. Das Osnabrücker Adressbuch listet aktuell insgesamt 466 Vereine und Verbände auf (2007: 465). Die Gründung eines Vereins, soweit dieser rechtsfähig (e.V.) werden soll, ist grundsätzlich durch den Vorstand in öffentlich beglaubigter Form (Notar) zur Eintragung in das Vereinsregister anzumelden. Allerdings besteht keine Pflicht zur Eintragung in das Vereinsregister. Die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, ergeben sich unmittelbar aus §§ 56, 57, 58 und 59 BGB.

Ausgabe 9, 1/2015 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

Bilder: © Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück; Foto Schützenkette © Stadt Osnabrück, Ratsschatz – mit Genehmigung des Kulturgeschichtlichen Museums Osnabrück
Bild Emaille-Schild & Gruppenbild „Arebiter Turner Bund“: © Stiftung Lothar Hülsmann, Osnabrück; Bild Figurentheater © Daniela Werbnick; Krokodil-Theater © Detlef Heese