Wie wurde in Osnabrück (hin-)gerichtet?

In der historischen Rechtsprechung und Strafverfolgung Osnabrücks finden sich Geschichten von armen Pudeln, Scharfrichtern mit faulen Ausreden, Hexen und Waldmenschen, die für Angst und Schrecken sorgen. Aber der Reihe nach …

Wie kreuzt man einen Löwen mit einem Pudel?

Über den Pudel ist laut einer Sage bereits Karl der Große um das Jahr 780 glücklicherweise gestolpert. Kaum zog er nach Gründung der Missionskirche aus Osnabrück ab, wandten sich die Osnabrücker wieder dem Sachsenherzog Wittekind zu, der allerdings kein Christ war. Als Karl der Große davon erfuhr, schäumte er vor Wut und schwor sich, bei seiner Rückkehr das erste Lebewesen, das ihm entgegenkam eigenhändig mit dem Schwert zu töten. Unterdessen hatte sich seine Schwester glücklich in Osnabrück verheiratet und eilte ihrem Bruder bei seiner Rückkehr entgegen, um ihn für die Osnabrücker milde zu stimmen. Auf der Hasebrücke begegneten sich beide, doch hatte die Schwester zum Glück ihren Pudel bei sich, der schneller lief als sie. So traf den armen Vierbeiner das Schwert Karl des Großen. Der Löwe wiederum galt seit jeher als Sinnbild der Macht, Kraft und Stärke, in diesem Fall auch als Zeichen der Gerichtsbarkeit. In Osnabrück wurde seit Anfang des 14. Jahrhunderts vor dem Dom das bischöfliche „Gericht zum Löwen“ abgehalten. Bis ins 18. Jahrhundert stand der Löwe als Symbol für das Gogericht, das die „peinlichen“ Strafen – wie Todesstrafen und Landesverweise – aussprechen durfte. Die Rechtsprechung für den fürstbischöflichen Landesherren erledigte die Landes- und Justizkanzlei. Ihr Sitz war die heutige bischöfliche Kanzlei an der Hasestraße. Das imposante Gebäude ist den meisten Osnabrückern allerdings nur durch den während des Weihnachtsmarkts geöffneten Glühweinkeller bekannt. Hier landeten die Akten der im Bistum Osnabrück zur Anklage gebrachten Fälle. Die Kanzleiräte diskutierten den Fall und fällten ihre „Erkenntnis“ nach Aktenlage. Der ebenfalls im Gebäude residierende „Geheime Rat“ musste die Urteile prüfen und sie dem Landesherrn zur Bestätigung vorlegen. Die Statue des sogenannten Löwenpudels, die heute vor dem Osnabrücker Dom steht, erzählt jedoch noch eine andere Geschichte – ihren „Titel“ gaben ihr nämlich die Osnabrücker höchstpersönlich.

Wer stürzte den Löwenpudel vom Sockel?

Nachdem bereits im 18. Jahrhundert ein Vorgänger der Statue nur wenige Meter vom heutigen Standplatz aus errichtet und im Zuge der Einebnung der Friedhöfe am Dom wieder abgerissen wurde, stellten die Osnabrücker sie Mitte des 19. Jahrhunderts unter Bürgermeister Stüve wieder auf. 1865 wurde sie in der Nacht zum 5. September von Unbekannten vom Sockel gestürzt – der Täter konnte nie ermittelt werden. 1866 wurde die Statue saniert und wieder aufgestellt. Nachdem ihr über mehrere Jahre Wetter und Vandalismus zugesetzt hatten, wanderte sie ins Museum. Erst am 3. November 1925 wurde der Löwe erneut aufgestellt – dieser war den Osnabrückern jedoch eindeutig zu klein geraten. Sie nannten ihn daher „Löwenpudel“. In den Wirren des 2. Weltkrieges stürzte der Löwenpudel erneut vom Sockel, um dann 1948/49 restauriert zu werden.

Wer waren die Scharfrichter?

In Osnabrück waren die Vertreter dieser Berufsgruppe angesehene Menschen. Als städtische Angestellte ohne festes Gehalt hatten sie vielfältige Aufgaben zu erledigen. Ihr Grundeinkommen erzielten sie über die Erlöse aus der Abdeckerei, in der Tierkadaver zu Produkten wie Leim, Fetten, Seife, Bleichmittel oder Viehfutter weiterverwertet wurden. Ihre im Rahmen des Strafvollzugs zu erbringenden Tätigkeiten wie Folter und den Vollzug verhängter Todesstrafen rechneten sie anhand einer Gebührenordnung ab. Aufgrund ihrer anatomischen und medizinischen Kenntnisse (ihre Foltermaßnahmen durft en keine sichtbaren Spuren bei den Opfern hinterlassen) fungierten sie in vielen Fällen auch als Ärzte.

Wie verpatzt man eine Hinrichtung?

Die Osnabrücker unterlagen ihrer eigenen Gerichtsbarkeit. Gemäß der 1324 formulierten „Sate“, dem „Grundgesetz“ der Stadt, wurden aus dem Pool der Ratsherren Gerichtsherren ernannt bzw. bei schwerwiegenderen Vergehen eine Gerichtskommission gebildet, um Recht zu sprechen. Lediglich Todesstrafen und Landesverweise mussten vom Landesherrn abgesegnet werden. Ein Blick vom Marienkirchturm lässt Dom (Bischof) und Rathaus (Bürger) auch heute noch wie zwei Duellanten erscheinen. Die Polarität zwischen dem Fürstbischof und den nach Selbständigkeit strebenden Osnabrücker Bürgern prägte die Geschicke und damit auch die Rechtsprechung der Stadt Osnabrück bis ins 19.Jahrhundert. Misstrauisch wurde das Agieren des Anderen beäugt. Der Osnabrücker Scharfrichter Johannes Schlemmer sorgte vor diesem Hintergrund 1718 für einen fürchterlichen Eklat. Bei der für den 20. Oktober 1718 auf dem Marktplatz angesetzten Enthauptung der Kindesmörderin Anna Katharina Kamphage versagte er kläglich. Viermal musste er ansetzen, da, wie er hinterher behauptete, der Geistliche im Weg gestanden hatte. Die Ratsherren versanken vor Scham im Boden, hatten sie doch mit der Enthauptung die Forderung des Bischofs, die Delinquentin in einem Sack zu ertränken, unterlaufen, um ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren. Und nun das – vor den Augen der bischöflichen Vertreter … Im Übrigen gab es in Osnabrück keine Guillotine. Die Scharfrichter vollstreckten ihre Strafen zum größten Teil mit dem Schwert.

Wie wurden unliebsame Konkurrenten denunziert?

Der „Hexengang“ zwischen Dom und Carolinum, auf der Titelseite dieser Ausgabe zu sehen, verweist (wenn auch nur) mit seinem Namen auf die Hexenverfolgungen in Osnabrück im 16. und 17. Jahrhundert. Eindringlicher erinnert das Wandgemälde „Hexenwahn“ des Osnabrücker Künstlers Axel Gundrum in der Mühlenstraße an die zwei Verfolgungswellen, die zu etwa 300 Hinrichtungen führten. Nicht zufällig befinden sich beide Erinnerungsstätten unmittelbar an der Hase. Bei der Wasserprobe banden die Scharfrichter den Frauen die linke Hand und den rechten Fuß sowie die rechte Hand und den linken Fuß zusammen, um sie dann vom Boot aus dreimal ins Wasser zu werfen. Brachten sie vom Grund einen Stein mit an die Oberfäche oder ertranken, waren sie keine Hexen. Schwammen sie jedoch oben, galt dies als Beweis. Die überführte Hexe wurde unweigerlich zum Tod verurteilt. An diese Ereignisse erinnert der Nachbau des Hexen- oder Kümpersturms am Herrenteichstor. In Osnabrück werden vor allem die Bürgermeister Dr. Hammacher (15831592) und Dr. Peltzer (1636-1639) für die Hexenverfolgungen verantwortlich gemacht. Insbesondere das Agieren Dr. Peltzers belegt, dass es in vielen Fällen von Hexenverfolgung lediglich um die Beseitigung unliebsamer politischer bzw. geschäft licher Konkurrenten oder privater Rivalen ging. Der Tatbestand „Hexe“ konnte allein durch die Folter herbeigeführt werden.

War Folter eine Strafe?

Die „Carolina“ war der erste Versuch, das Strafrecht im Deutschen Reich zu vereinheitlichen. Karl V. war die maßgebliche Kraft hinter diesem 1536 in gedruckter Form erschienenen Strafgesetzbuch. So war sie auch in Osnabrück bis ins 18. Jahrhundert Grundlage der Rechtsprechung. Die Folter wurde darin als Mittel zur Erzwingung von Geständnissen explizit erlaubt. Es handelte sich also nicht um eine Strafe, sondern um eine Art Ermittlungswerkzeug. Denn die Justiz steckte in einem Dilemma: Eine Verurteilung vor Gericht konnte nur dann erfolgen, wenn entweder ein Geständnis vorlag oder mindestens zwei Zeugen die Tat beweisen konnten. Unter dem protestantischen Bischof Friedrich von York (1764-1802) zeigte die im 18. Jahrhundert einsetzende Kritik an Folter und Todesstrafen Wirkung. Die Folter wurde weitestgehend abgeschafft , parallel dazu wandelte er alle während seiner Regentschaft verhängten Todesstrafen in Zuchthausstrafen um.

Mord und Totschlag oder was?

Ein besonders kurioser Kriminalfall ereignete sich 1745 in Glandorf. Dort bekam Johann Wilhelm Gohen Streit mit seinem Stiefvater. Als er eines Tages genug hatte, erschlug er ihn im Streit, fl oh zunächst nach Tecklenburg, stellte sich dann aber doch dem Gerichtsverfahren an der Land- und Justizkanzlei. Diese ließ Milde walten: fünf Monate Landesverweis und 20 Reichstaler Geldbuße. Schließlich sei mit keinen weiteren Straft aten des Gohen zu rechnen, der Konflikt zwischen den beiden „Hausherren“ sei durch den Tod eines Kontrahenten ja nun gelöst – und die Ordnung wieder hergestellt.

Wo stand das erste Zuchthaus in Osnabrück?

Dank des 1769 fertig gestellten ersten Zuchthauses am heutigen Neumarkt verfügte das Bistum über eine nennenswerte Anzahl von Zuchthausplätzen. Dieser moralisch-ethisch begründete Umbruch in der Justiz bedeutete für die über Jahrhunderte gut verdienenden Scharfrichter den Todesstoß. Sie waren überflüssig.Auf dem Grundstück des 1870 abgerissenen Zuchthauses nahm im Anschluss das Amts- und Landgericht seine Arbeit auf. Mit der Reichsgründung 1871 wurde die Arbeit an einem allgemeinen Gesetz für das ganze Reich intensiviert. Am 1.1.1900 trat dann das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) in Kraft . Es gilt im Wesentlichen bis heute, während es im Strafrecht immer wieder zu Änderungen gekommen ist und wohl auch zukünft ig kommen wird. Heute vereint das imposante Gebäude am Neumarkt das Amtsgericht sowie die Strafk ammern des Landgerichts. Der Zuständigkeitsbereich des Landgerichts umfasst neben der Stadt Osnabrück auch die Amtsgerichte in Bad Iburg, Bersenbrück, Lingen, Meppen, Nordhorn und Papenburg. Die Staatsanwaltschaft (Anklagebehörde) residiert vis à vis am Kollegienwall. Einen kleinen Eindruck von historischen Gefängnistüren und –schlössern bekommt man noch bis Januar 2014 im Kreishaus am Schölerberg. Circa 40 Ausstellungsstücke aus einer Zeitspanne vom 16. bis ins 19. Jahrhundert, die aus einer Privatsammlung stammen, werden in den verschiedenen Vitrinen präsentiert.

Was geschah mit Elfriede Scholz?

Während des Dritten Reiches machten sich zahlreiche Osnabrücker zu Komplizen eines verbrecherischen Regimes. Viele wurden aber auch Opfer eines Unrechtsstaates, der sich mit dem Deckmantel der Legalität tarnte. Die Gestapo folterte politische Gegner im Westflügel des Osnabrücker Schlosses und quälte rund 2.000 Kriegsgefangene im „Arbeitserziehungslager Ohrbeck“; Patienten der Landes-Heil- und Pflegeanstalt, Sinti und Roma oder Homosexuelle wurden misshandelt, in Vernichtungslager geschickt und dort ermordet; nach Vertreibung und Deportation lebten schon im Februar 1941 nur noch 69 Juden in Osnabrück. Auch Elfriede Scholz, die jüngere Schwester des weltberühmten Schriftstellers Erich Maria Remarque, geriet ins Visier der NS-Justiz. 1943 wohnte die gebürtige Osnabrückerin in Dresden, wo eine Nachbarin sie wegen regimekritischer Äußerungen denunzierte. Im Oktober 1943 wurde Elfriede Scholz wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und am 16. Dezember in der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee enthauptet. Roland Freisler, Präsident des Volksgerichtshofes, hatte ihr schon während der Verhandlung angedroht: „Ihr Bruder ist uns leider entwischt, Sie aber werden uns nicht entwischen.“

Wer hatte Angst vorm Waldmenschen?

Mit der gefühlten Sicherheit der Nachkriegszeit war es Ende Dezember 1965 im Osnabrücker Land schlagartig vorbei. Bruno Fabeyer hatte wieder zugeschlagen. Zum ersten Mal hinterließ er am Tatort einen Schwerverletzten, den Gretescher Postbeamten Broxtermann. Erster Höhepunkt einer zweijährigen Verfolgungsjagd und Massenhysterie, bei der die Polizei über weite Strecken keine besonders gute Figur machte: Ein vom Leben gezeichneter Mensch, der Vater erhängt sich, der Bruder wird von den Nazis als Deserteur hingerichtet, Bruno Fabeyer selbst ins KZ gesperrt. Später am Arbeitsplatz gerät er unter Verdacht, gestohlen zu haben. Als der Verdacht sich als haltlos erweist, ist es bereits zu spät. Nach mehreren Zuchthausaufenthalten wird er 1965 entlassen – und kehrt zurück nach Osnabrück. Wiedereingliederungshilfen Fehlanzeige, Fabeyer taucht ab und versteckt sich in den Wäldern um Osnabrück. Dort baut er regelrechte Unterstände und legt Warenlager an. Seinen Bedarf deckt er durch Diebstähle, als Verkehrsmittel dienen ihm geklaute Fahrräder. Doch erst der Angriff auf den Postbeamten und kurze Zeit später die tödlichen Schüsse auf einen Polizisten setzen die „langwierigste, teuerste und aufwendigste Verbrecherjagd seit Kriegsende“ in Gang. Auf dem Land werden Fenster und Türen zugenagelt, es „grassiert die blasse Angst“ (Spiegel) vor dem „Moormörder“ (Hamburger Abendblatt). Das Spektakel hat hohen Unterhaltungswert. Hundertschaften bestens ausgerüsteter Polizisten scheitern bei ihrer Jagd nach einem „Waldmenschen“ und Vagabunden, der ihnen mit Damenfahrrad und Deutscher Bahn immer wieder um Haaresbreite entwischt. Am 24.Februar 1967 wird er in Kassel festgenommen und zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Auch viele Osnabrücker atmen auf.

„Mord und Totschlag“ – Osnabrücker Kriminalfälle

Eine Frau versucht (ohne Erfolg) ihren Gatten zu vergiften. Ein Sohn erschlägt (mit Erfolg) seinen Stiefvater. Ein Scharfrichter verpatzt eine Hinrichtung. Ratsherren fürchten um die Gesundheit eines Häftlings im Gefängnis und in der bischöflichen Kanzlei bezweifelt man die abschreckende Wirkung der Todesstrafe.
Bei der Stadtführung „Mord und Totschlag“ lernen Besucher Täter kennen, gewinnen Einblick in das Justizwesen des 18. Jahrhunderts und begleiten die „Richter“ bei ihren oftmals schwer zu fällenden Urteilen, die für uns heute manchmal sehr verblüff end ausfallen.

Infos & Buchungen:
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http://www.osnabrueck-stadtfuehrungen.de

Ausgabe 4, 3/2013 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

Fotos © Yörn Kreib ; Löwenpudel vor Dom © blendeneff ekte.de | Photography Oliver Schratz Fotos © Yörn Kreib ; Schwert © ermess – Fotolia.com; Rathaus & Dom © Stadt Osnabrück; Pergament © alexfi odorov – Fotolia.com; Rahmen © picsfi ve – Fotolia.com / Fotos © Yörn Kreib ; Löwenpudel | PhotographyOliver Schratz
Fotos © Yörn Kreib ; Justitia © Patrick Poendl – Fotolia.com; Elfriede Scholz © Erich Maria Remarque-Friedenszentrum / Wald © andreiuc88 – Fotolia.com