Wird die City zur Geisterstadt?

Ende des letzten Jahrtausends mussten sich Deutschlands Einzelhändler über die Konkurrenz aus dem Internet noch keine großen Sorgen machen: 1999 lagen die Online-Umsätze bei 1,9 Milliarden Euro. Heute sieht die Situation völlig anders aus. 2013 werden etwa 33 Milliarden Euro über das Internet umgesetzt. „Wer sich hier nicht aufstellt, wird zu den Verlierern gehören“, meint Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE). Tatsächlich setzen immer mehr Einzelhändler inzwischen auf „Multichannel“ – etwa jeder Dritte betreibt neben seinem Geschäft auch einen Online-Shop. Wie sieht die Situation in Osnabrück aus? Unsere vorweihnachtliche Shopping-Tour führt durch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines möglichen Einkaufsparadieses.

Wie kaufkräftig sind die Osnabrücker?

Der Einkaufsstandort Osnabrück konnte sich nicht nur im Vergleich der benachbarten Oberzentren Oldenburg, Münster oder Bielefeld gut behaupten. Auch die Kaufkraft der Einwohner hat sich nach den Krisenjahren 2009 und 2010 wieder positiv entwickelt. 2012 verfügten die Osnabrückerinnen und Osnabrücker im Durchschnitt über eine Kaufkraft von 5.373 Euro.
Der Umsatz am Standort, zu dem auch zahlreiche Kunden von außerhalb beitrugen, lag umgerechnet bei 7.096 Euro pro Einwohner. Für 2013 werden ebenfalls positive Daten erwartet – das Handelsbarometer* mit den neuesten Zahlen erscheint im Februar 2014.

(Ver)kauft Osnabrück online?

Viele Osnabrücker Geschäftsleute haben sich noch kein abschließendes Urteil darüber gebildet, wie stark der Einfluss des Online-Handels ist bzw. wird – und ob er eher als Konkurrenz oder als Chance betrachtet werden sollte. Fast die Hälfte der im Handelsbarometer Befragten macht hierzu keine Angaben. 26 Prozent gehen immerhin von einer steigenden Bedeutung für den stationären Einzelhandel aus. Zu ihnen gehört sicher auch die Carl Schäffer GmbH & Co. KG, die neben ihrem traditionsreichen Geschäft in bester Lage einen attraktiven Online-Shop anbietet. Der Blick in die Geschäftsstraßen deutet allerdings bereits auf erhebliche Veränderungen hin. Zwar geben nur 11 Prozent der Inhaber an, selbst im Online-Handel aktiv zu sein. Auf die Frage „Ist der Online-Handel am Standort ein Thema?“ antworten dagegen rund zwei Drittel der Befragten mit „Ja“. Andernfalls wären schließlich auch Initiativen wie „Buy local“ überflüssig, die überall in Deutschland für die Fachgeschäfte und Dienstleister der jeweiligen Region werben. In Osnabrück wird die Idee beispielsweise von der traditionsreichen Buchhandlung zur Heide unterstützt, die Bruno Hanckel im Jahr 1919 gründete.

Konkurrenzkampf mit zwei Gewinnern?

Konflikte zwischen alten und neuen Verkaufsmethoden haben auch in Osnabrück eine lange Geschichte. Schon 1898 warnte die hiesige Handelskammer vor der Konkurrenz aus den Großstädten und ihren damals noch ungewöhnlichen Werbepraktiken: „Als sehr wesentlich wird der Schaden bezeichnet, welcher den Manufakturwaarenhandlungen der Stadt durch die Waarenhäuser und Versandgeschäfte der Großstädte erwächst, da in vielen Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft, und zwar hauptsächlich bei den Damen, die hergebrachte Vorliebe für Bezüge von auswärts fortbesteht, welcher die Reklame durch Zusendung von Katalogen (…) entgegenkommt.“ Tatsächlich florierte zu dieser Zeit aber auch der Osnabrücker Warenhandel. 1895 beschäftigten 570 Betriebe 1.738 Mitarbeiter. 12 Jahre später gab es in diesem Bereich bereits 916 Betriebe mit insgesamt 2.887 Mitarbeitern.

Wer hat das schönste Kaufhaus?

Das Geschäftshaus Trepper, aus dem später Hettlage & Lampe und noch später Peek & Cloppenburg werden sollte, gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zu den imposanten Gebäuden der Osnabrücker Innenstadt. Schon damals hatte man im ersten Obergeschoß des Fachwerkhauses große Fensterscheiben eingezogen, um den Passanten das reichhaltige Warenangebot zu präsentieren. Neben Porzellan verkaufte Trepper auch Galanterie- und Spielwaren. Im Jahr 1900 wurde die Außenwirkung durch einen kompletten Neubau perfektioniert. Fast zeitgleich entstand in unmittelbarer Nähe ein weiterer moderner Einkaufstempel, der zunächst von den Gebrüdern Simon geleitet wurde. 1910 eröffnete an gleicher Stelle das Modehaus Alsberg, das heute Lengermann + Trieschmann heißt.

Wo wurde Deutschlands erster Selbstbedienungsladen eröffnet?

1938, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, schrieb Osnabrück Handelsgeschichte. Wobei es auch diesmal um ein heftig umstrittenes Konzept ging. Am Jürgensort 6-8 eröffnete der Drogist Herbert Eklöh den ersten Selbstbedienungsladen Deutschlands. Mit dieser Filiale hatte der Pionier wenig Glück, denn das Geschäft wurde gleich mehrfach ausgebombt. Doch Eklöh ließ sich davon nicht beirren. Nach dem Krieg gründete er zahlreiche weitere Supermärkte in ganz Deutschland, wurde Generaldirektor der Süßwarenkette Hussel und Initiator einer Reihe umsatzstarker Ladenketten. „Ich habe als erster in Europa die Selbstbedienung aufgegriffen, ich bin Künder, Schrittmacher und Durchtrotzer gewesen“, bilanzierte Herbert Eklöh seine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte, die in Osnabrück begann.

Seit wann gibt es eine Fußgängerzone?

Autofreie Einkaufsstraßen wurden schon vor dem Zweiten Weltkrieg angelegt und ab den 1950er Jahren immer beliebter. Der Titel „Erste Fußgängerzone Deutschlands“ ist bis heute umstritten. War es die Treppenstraße in Kassel oder doch die Holstenstraße in Kiel oder vielleicht die Schulstraße in Stuttgart? Osnabrücks Große Straße hat im Duell der Lokalpatrioten leider keine Chance. Sie wurde erst 1972/73 im Zuge der Stadtsanierung angelegt, dann allerdings ständig erweitert – Richtung Heger Tor oder Dominikanerkirche. Aus ursprünglich 700 Metern sind so mehrere Kilometer geworden, auch wenn sich die Fußgänger ihre Zone bisweilen mit Fahrrädern und Autos teilen müssen.

Was produziert die Region?

Dass die Osnabrücker wissen, wie´s geht, steht außerfrage. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wurden viele Produkte aus Stadt und Land echte Exportschlager – nicht nur der Karmann Ghia oder die „Himmlischen“ von Leysieffer. In Melle wird Naturseife produziert, Bad Essen macht aus dem Urmeer hochwertiges Salz und überdies Shampoo für Kamele, in der Varusregion wird Holunder veredelt. Die Reihe der Beispiele ließe sich mühelos fortsetzen. Stadt und Land Osnabrück sind ein guter Nährboden für die Entwicklung innovativer und außergewöhnlicher Produkte, die Menschen in ganz Deutschland, Europa und der Welt begeistern.

Wie entwickelt sich die Stadt?

Seit Jahren schwelt der Streit um den Neumarkt. Die Johannisstraße, einst eine der Prachtalleen von Osnabrück, ist längst kein Vorzeigeobjekt mehr und in der Hasestraße sowie in der Theaterpassage stehen gleich mehrere Geschäftsräume leer. Die Liste der Probleme ließe sich fortsetzen, doch Osnabrück sollte sich vor allem auf seine Stärken besinnen, meint Handelsexperte Falk Hassenpflug von der IHK Osnabrück – Emsland – Grafschaft Bentheim. „Die Kamp-Promenade hat sich von einem hässlichen Hinterhofparkplatz zu einem modernen Einkaufsquartier entwickelt, das mitten im Zentrum liegt, viele Zugänge bietet und sehr gut zum gegenüberliegenden Angebot von L+T passt. In die Redlinger Straße, die vor einigen Jahren noch ein Schattendasein führte, zieht es mittlerweile Exkursionen von Stadtplanern. Und auch die Lotterstraße hat sich völlig neu aufgestellt und ein vielseitiges, attraktives Angebot geschaffen“, sagt Hassenpflug. Der alte Grundsatz „Handel ist Wandel“ werde wohl auch für kommende Generationen gelten. Die City wird also nicht zur Geisterstadt! Der Fachmann der IHK glaubt vielmehr, dass sich das Online-Shopping zu einem „wichtigen Instrumentarium“ entwickeln und die bisherigen Angebote sinnvoll ergänzen kann. „Von einer virtuellen Geschäftsstraße mit einer rund um die Uhr funktionierenden Warenlogistik sind wir noch ein Stück entfernt. Aber es gibt bereits Überlegungen und Konzepte in dieser Richtung, die auch zeitnah realisiert werden könnten.“ Ein Grundsatz steht für Hassenpflug aber über allen Strate- gien: „Osnabrück muss sein individuelles Gesicht behalten und darf auf keinen Fall ein beliebiges Angebot präsentieren.“

*Das Handelsbarometer …

… wird von der Osnabrück- Marketing und Tourismus GmbH, dem Osnabrücker City-Marketing und der IHK Osnabrück – Emsland – Grafschaft Bentheim herausgegeben und erschien erstmals im Januar 2013.

Ausgabe 5, 4/2013 | Autor: Thorsten Stegemann

Bildnachweise

Fußgängerzone © OMT / Das Kaufhaus Trepper nach dem Umbau zur vorletzten Jahrtausendwende, © Museum Industriekultur (fotografische Sammlung) / Große Straße um 1954, Neubau Köhne, Der Neumarkt in den 1960er Jahren © Felix-Nussbaum-Haus / Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück (fotografische Sammlung) / Die Hasestraße in alter Zeit, © Museum Industriekultur (fotografische Sammlung) / Die Kamp-Promenade in zentraler Lage der Osnabrücker Fußgängerzone © OMT