Der Hafen als Wimmelbuch?

Auch 2016 wirft „Osnabrücker Wissen“ wieder einen Blick in das umfangreiche, aber kaum bekannte Depot des Museums Industriekultur. Diesmal geht es um die Fotografie eines Jubilars, der in diesem Jahr seinen 100. feiert, zur Zeit der Aufnahme aber erst 20 war. Die Fotografie ist – parallel zum Erscheinen dieser Ausgabe – seit März im Museum Industriekultur zu sehen.

Mit ein wenig Fantasie kann man sich vorstellen, dass sich aus der Szenerie, die Rudolf Lichtenberg 1936 fotografiert hat, hervorragend ein „Wimmelbild“ gestalten ließe. Es gibt viel zu sehen: Hauptsächlich geht es um das Verladen einer großen Kupferschale, die im Osnabrücker Kupfer und Drahtwerk (OKD) produziert wurde. Um diese Aktion auf die Platte zu bannen, hatte sich der Fotograf in den Hafen begeben. Galt es doch festzuhalten, dass dort ein ganz besonderes Produkt auf den Weg gebracht wurde. Allein der Größenvergleich mit den um die Schale herumstehenden Arbeitern macht ihre Dimension deutlich. Und wer immer es nun war, der entschied, das Foto genau hier zu machen, ihm gelang damit eine bemerkenswerte Inszenierung. An der Kaimauer, auf der sich unsere Handlung abspielt, etwas weiter in Richtung Lagergebäude, wurde übrigens auch das erste in den Osnabrücker Hafen einlaufende Binnenschiff mit einer Ladung von 475 Tonnen Hafer gelöscht. Es war der 3. April 1916, es herrschte Krieg und die Hafenanlagen hatte das Militär beschlagnahmt. Anlässlich dieser „Eröffnung“ gab es keine Feierlichkeiten. Nur ein Foto dokumentiert diese Situation. Zwar existierte damals bereits die Reihe der Lagergebäude, die auch auf dem Foto von 1936 zu sehen ist, die Gleise der Hafenbahn waren verlegt und ein Kran war auch vorhanden, ansonsten herrschte an diesem historischen Tag jedoch eine beklemmende Leere, da das Hafengelände noch nicht besiedelt war. Lichtenbergs Fotografie

vermittelt ein völlig anderes Bild. Etliche Binnenschiffe sind zu sehen und an der westlichen Kaianlage liegen sogar zwei Fahrgastschiffe und spiegeln sich in der glatten Wasserfläche.

Der Hafen

In diesem Teil des Hafens haben sich zahlreiche Betriebe angesiedelt. Deutlich auszumachen sind die Spänetürme der Holz verarbeitenden Betriebe, wie der von Stracke, Langner & Menke. Deren Existenz verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass bis in die 1930-Jahre Holz, z.B. aus dem Weserbergland, zusammengefügt zu Flößen über Kanäle und Schleusen in den Osnabrücker Hafen transportiert wurde.

Nicht zu übersehen ist auch die lange Reihe der aufgestellten Eisenbahnwaggons, bei denen es sich um „Kübelwagen“ der Georgsmarienhütte handelt, die an der, auf dem Bild nicht zu sehenden, Verladestelle mit Eisenerz befüllt werden sollen. Die gefüllten Waggons wurden zum Hüttenwerk gefahren, wo man die Kübel mit einer speziellen Verladeanlage vom Fahrgestell abhob, direkt zu den Hochöfen transportierte und entleerte. Die Erzverladestelle, die bereits zur Eröffnung des Hafens vorhanden war, sicherte dem Werk die Rohstoffbasis. Noch heute wird in diesem Bereich des Hafens Metall umgeschlagen.
Aber zurück zur Fotografie, zu deren Reiz es auch gehört, dass der Betrachter mit Blick auf die weit fortgeschrittenen Vorbereitungen geradezu erwartet, dass der Kranführer, der auf dem Bild schon angesichts der auf ihn zukommenden Maßarbeit gespannt verharrt, die bildwürdige Schale endlich auf das Schiff hievt. Das aber hat Lichtenberg nicht mehr dokumentiert.

Ausgabe 13, 1/2016 | Autor: Rolf Spilker

Bildnachweise

Bilder © Museum Industriekultur