Was treibt Autofahrer in die Apotheke?

Um 1900 ging es auch auf den Osnabrücker Straßen eher beschaulich zu. Autos waren teuer, nur die wenigsten konnten sie sich leisten. Ein flächendeckendes Versorgungssystem mit Kraftstoffen schien unvorstellbar und unnötig. Denn die Benzinversorgung der wenigen Automobilisten war ja gewährleistet.

Überall dort, wo ein gelbes Fähnchen im Wind wehte, gab es Benzin. Vor allem Apotheken und Drogerien hatten den neuen Treibstoff vorrätig Sie waren im Verkauf leicht entzündlicher Produkte geübt. Der Fleckentferner Ligroin funktionierte nun auch als Leichtbenzin für die Verbrennungsmotoren. Das angebotene Benzin wies gewaltige Qualitätsunterschiede auf. „Man wusste nie, was da wirklich drin war“, schmunzelt Heiner Rössler vom Automuseum in Melle. Deshalb musste nach jedem Tankvorgang auch der Vergaser neu eingestellt werden. Bei einigen Fahrzeugen saß der Hebel dazu praktischerweise auch gleich an der Lenksäule. Abgegeben wurde das Benzin vielfach in den für Deutschland typischen dreieckigen Metallkanistern.

Wo befand sich die Erste
Tankstelle Osnabrücks ?

Im ersten Tankstellenverzeichnis für Deutschland aus dem Jahr 1909 finden sich etwa 2.500 Drogerien, Kolonialwarenhändler, Fahrradhandlungen u.a. Dabei handelte es sich allerdings nicht um Tankstellen im heutigen Sinn. Einzelne Zapfsäulen standen unmittelbar am Straßenrand. Über einen riesigen Hebel wurde das Benzin in einen fünf Liter fassenden Glaskolben gepumpt, um dann von dort, dem Gesetz der Schwerkraft folgend, in den Tank des Fahrzeugs zu gelangen. Die ersten Tankstellen in

Osnabrück wurden von Autohändlern und Autowerkstätten betrieben. Eine der ersten vermutet Rössler auf dem damaligen Gelände der Firma Heiter in der Nähe der Katharinenkirche.

Wer war der erste
Autohändler Osnabrücks?

Erster Autohändler in Osnabrück war die 1. Osnabrücker Automobilgesellschaft Wiemann & Co. mit Sitz in der Johannisstraße. Durch den Import US-amerikanischer Kohle im 19. Jahrhundert war die Familie zu Vermögen gekommen. Das erste verkaufte Auto, ein französischer  De Dion Bouton Populaire Typ Q (Baujahr 1903; 6 PS), steht heute im Foyer des Automuseums in Melle. Ohne entsprechendes Marketing kam auch Autohändler Wiemann nicht aus. So konnte jeder Passant, dem die Familie bei ihrer Autofahrt ins Familienanwesen in Schledehausen begegnete, auf dem Heck erkennen, wer da gerade vorbeigefahren war – und wo gegebenenfalls ein Auto zu erwerben sei.

Wo ist „Geschichte auf Rädern“ zu besichtigen?

Automuseum Melle
Pestelstraße 38-40, 49324 Melle
Telefon: 0  54  22  /  4  68  38
Öffnungszeiten:
Di-Sa: 11:00 – 18:00 Uhr,
So: 10:00 – 18:00 Uhr | Mo: Ruhetag
www.automuseum-melle.de

Ausgabe 12, 4/2015 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

Bilder © Yörn Kreib