Welcher finnische Musiker verdiente sein Geld mit Bürsten?

Es war einmal ein finnischer Jazz-Musiker. Der hatte eine brillante Idee, die bis heute ein wichtiger Bestandteil der Weltwirtschaft ist. Die Geschichte begann 1945 in Tampere und führte unter anderem nach Hagen am Teutoburger Wald …

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Tampere, das damalige Industriezentrum Finnlands, in Trümmern. Viele Menschen verloren ihr Eigenheim und mussten um das nackte Überleben kämpfen.
Auch Paulus Sajakorpi schaffte es nicht mehr, seine Frau und seine drei Kinder allein durch Jazzmusik zu ernähren. Da zu dieser Zeit aber massenhaft Baumaterial für den Wiederaufb au benötigt wurde, kam er auf die Idee, Bürsten in Form von Malerpinseln und Handbesen zu produzieren. Gemeinsam mit seinen Brüdern ging er in einer kleinen Garage ans Werk.

Was ist Piassava?

Mit Erfolg – die Nachfrage wuchs stetig. Sajakorpi erweiterte sein Portfolio um den „Piassava“-Straßenbesen. Die extrem haltbare Pflanzenfaser der Strickpalme wurde damals unter anderem zur Herstellung von Schiffstauen verwendet. Im Hafen von Tampere kaufte der Jungunternehmer Taue für seine „Piassava“Besen ein, die den klassischen Birkenzweigen schnell den Rang abliefen.
15 Jahre lang war die Firma „Sajakorpi Oy“ Marktführer in Sachen „Piassava“Besen. Dann entdeckten die Finnen die Welt der technischen Bürsten.

Interessieren sich Opernsänger für Kehrmaschinen?

Zunächst entwickelte Paulus Sajakorpi aus den Haaren von Pferdeschweifen Bürsten für Autowaschanlagen. Dann stellte das Unternehmen Bürsten für Kehrmaschinen her, die aus anderen Ländern importiert werden mussten, da es noch keine finnischen Produzenten gab. Sajakorpi Oy hatte aber auch Kunststoffbeläge für Skisprungschanzen im Angebot. Angekurbelt wurde dieses Projekt vom finnischen Skiverband. In Zusammenarbeit mit dem Comedian Pertti Spede Pasanen, der zuvor ein Katapult für Skispringer entwickelt hatte und in Finnland sehr bekannt war, wurde das Produkt vermarktet. Als Paulus Sajakorpi 1976 verstarb, übernahm sein Sohn Kimmo, der bis dahin für die technische Leitung verantwortlich gewesen war, die Geschäftsführung. Der Ingenieur hatte die musikalische Begabung von seinem Vater geerbt und trat als leidenschaft licher Opernsänger sogar bei den berühmten Festspielen in Savonlinna auf.

Kann man Bürsten essen?

In den 80er Jahren wuchs der Bedarf an Bürstenfasern aus Kunststoff , der bislang importiert werden musste. So begann Sajakorpi Oy eigene Polypropylenfaser zu produzieren. Außerdem trat das Unternehmen mit seinen Kehrmaschinenbesen in den Exporthandel ein und belieferte viele nordische Länder. Das Geschäft boomte. Im Jahr 2000 wurden die Tochterfirmen „ AS Sajakorpi“ in Estland und die „Saja GmbH“ in Hagen a.T.W. gegründet. Das Unternehmen unterschied sich wegen der guten Logistik-Verbindungen fürs Osnabrücker Land – überdies kam der erste deutsche Vertriebsmitarbeiter aus Hagen. Kimmo Sajakorpi reagierte in der Folgezeit auch auf das gestiegene Umweltbewusstsein und entwickelte die Produktfamilie „ECOLINE“, die aus wiederverwertbaren Bürstenringen besteht. Zu dieser Produktfamilie gehören auch Bürstenkassetten zur Reinigung von Start- und Landebahnen auf Flughäfen. „Die Bürsten sind so reyclebar und verträglich, dass sie auch in der Lebensmittelindustrie eingesetzt werden“, berichtet Axel Dazenko, Geschäftsführer der Sajas GmbH. Und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Theoretisch könnten sie sogar gegessen werden.“

Die Sajas Group

Heute wird das Unternehmen von der dritten Sajakorpi-Generation geführt. Kimmo ging 2011 offi ziell in den Ruhestand, arbeitet aber immer noch. Sein Sohn Aku-Paulus Sajakorpi begann 2006 als Geschäftsführer der Sajas Group. AkuPaulus Schwester, Anna-Pauliina Sajakorpi, trat 2010 ebenfalls in die Fußstapfen ihres Vaters und arbeitet derzeit im Finanzbereich der Firma. Rund 50 Mitarbeiter sind für die Sajas Group tätig und exportieren ihre Produkte in mehr als 40 Länder. Mehr Infos: http://www.sajas-group.com

Ausgabe 6, 1/2014 | Autor: Maike Fortmeier

Bildnachweise

Bilder © Sajas Group