Wer zog seinen Freunden Funken aus der Nase?

Schon zum fünften Mal wirft „Osnabrücker Wissen“ einen Blick in das umfangreiche, aber kaum bekannte Depot des Museums Industriekultur. Diesmal geht es um elektrische Küsse und funkende Nasen.

Die ersten elektrostatischen Generatoren arbeiteten nach dem Prinzip der Reibungselektrizität und wurden bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als Elektrisiermaschinen bezeichnet. Reibungselektrizität ist eine wichtige Grundlage der Elektrizitätslehre und führte im 18. Jahrhundert zu allerlei kuriosen Vorführungen bei gesellschaftlichen Empfängen. Mithilfe der Elektrisiermaschinen wurden Menschen elektrisch aufgeladen, um dann mit ihnen Experimente wie den „elektrischen Kuss“ vorzuführen: Eine elektrisch aufgeladene Dame gab einem nichts ahnenden Gast einen Kuss und damit auch einen kleinen elektrischen Schlag auf die Lippen. Trotz dieser Kuriositäten waren die ersten Geräte zur Erzeugung von Elektrizität einfache aber wirkungsvolle Instrumente, die einer weiteren wissenschaftlichen Erforschung der Elektrizität den Weg ebneten. Ab 1883 wurden Influenzmaschinen entwickelt. Diese Maschinen nutzen die Ladungstrennung und die Verschiebung von Ladungsträgern – Elektronen – durch die Einwirkung eines elektrischen Feldes (Influenz). Influenzmaschinen erzeugen eine Spannung von 100kV und höher, bei sehr geringer Stromstärke. Sie eröffneten erstmals die Möglichkeit, kontinuierliche Ströme mit sehr hoher Spannung aufzubauen, wie sie z.B. für den Betrieb der ersten Röntgenapparate nötig waren. Die hier gezeigte

 Influenzmaschine hat der Großvater von Hans Leue für seine Kinder angeschafft und er führte sie an besonderen Tagen, wie Kindergeburtstagen vor. Dabei war Vorsicht geboten. Deshalb durfte Leue

die Maschine auch erst mit etwa 12 Jahren und unter Aufsicht seiner Eltern selbst bedienen. Später machte  er mit seinen Freunden eine ähnliche Vorführung wie

der oben beschriebene „elektrische Kuss“. Er zog seinen Freunden „Funken“ aus der Nase. Die Influenzmaschine verfügt über einen Zubehörkasten mit „elektrischen Nebenapparaten“, mit denen man faszinierende Versuche vorführen kann. Die Nebenapparate werden auf ein Stativ gestellt und durch Ketten oder Drähte mit der Maschine verbunden. Die Blitzröhre zum Beispiel ist eine Glasröhre, auf die spiralförmig Stanniolstreifen aufgeklebt sind, zwischen denen kleine Funken überspringen. Oder das Glockenspiel: Eine große Glocke ist elektrisch und die kleine Kugel, die am Faden hängt, wird von ihr angezogen und abgestoßen und schlägt somit gegen die andere Glocke. Besonders schön sind die Farberscheinungen in der Geißler’schen Röhre. Sie besteht aus zwei Elektroden, einer Kathode und einer Anode. Die Elektroden sind in einer, mit sehr verdünntem Gas gefüllten Glasröhre eingeschmolzen, die unterschiedlichste Formen und je nach Gas unterschiedlichste Farberscheinungen haben kann. Befindet sich mäßig (z.B. auf 1/300) verdünnte Luft in der Röhre, so erscheint der negative Pol von einem zarten tiefblauen Licht umhüllt, vom positiven Pol aber ergießt sich ein pfirsichblütenrotes Licht durch die ganze Röhre. Die Influenzmaschine ist im Museum Industriekultur Osnabrück am Fürstenauer Weg 171 von Mitte September bis Mitte November ausgestellt.

Ausgabe 11, 3/2015 | Autor: Margret Baumann

Bildnachweise

Bilder © Maren Kiupel: Influenzmaschine mit Zubehör, um 1890, Schenkung Hans Leue, Osnabrück. Museum Industriekultur Osnabrück.