Wie viele Telefonzellen gibt es noch in Osnabrück?

Auf jeden Osnabrücker kommen statistisch gesehen ca. 1,4 SIM-Karten. Mobiles Telefonieren ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Mit dem Smartphone im Internet surfen oder Pokémons jagen – beides ein Massenphänomen. Telefonzellen braucht kein Mensch mehr. Oder doch?

Wo stehen sie denn noch?

Ein Gang durch die Osnabrücker Altstadt offenbart Überraschendes. Es gibt sie tatsächlich noch. Seit Mitte der 90er Jahre sind sie nicht mehr gelb, sondern magenta-grau. Unauffällig stehen sie beispielsweise vor dem Gebäude der VHS, verstecken sich unter alten Bäumen an der Bocksmauer oder gammeln in der Nachbarschaft von Müllcontainern an der Hasestraße vor sich hin. Attraktiv sind die meisten nicht, Schutz vor Wind, Regen und Lärm liefern sie schon lange nicht mehr.

Was müssen Telefonzellen erwirtschaften?

In der Altstadt stehen noch etwa 15, in der Neustadt ungefähr sechs, zwei am Hauptbahnhof. In der Peripherie tauchen sie nur noch sporadisch auf. Der Unterhalt dieser Telefonzellen kostet die Telekom viel Geld für Strom, Standortmiete, Wartung und Beseitigung von Schäden durch Vandalismus. Mit der Bundesvereinigung kommunaler Spitzenverbände wurde deshalb vereinbart, dass eine Telefonzelle bei einem monatlichen Umsatz von weniger als 50 € zur Disposition gestellt wird. Die Telekom stellt einen Antrag zum Abbau, dem von der Stadt Osnabrück zugestimmt werden muss. Wenn nicht, tauscht die Telekom das vorhandene öffentliche Telefon gegen ein deutlich günstigeres „Basistelefon“ aus, in der Regel handelt es sich um einen Metallpfosten, an dem ein Telefon angebracht ist.

Wo stand die erste Telefonzelle?

Vermutlich vor dem Hauptpostamt in der Wittekindstraße. Kein Wunder, fiel doch das Telefonieren ins Aufgabenfeld der Post. Öffentliche Telefone, zunächst in den Postämtern untergebracht, demokratisierten diese Form der Kommunikation. Denn als am 1. Februar 1878 die Osnabrücker Fernsprecheinrichtung in Betrieb genommen wurde, zählte sie lediglich 31 Hausanschlüsse. Die Inhaber, überwiegend Firmen, wurden in der lokalen Presse aus diesem Anlass sämtlich namentlich aufgeführt. Das Telefon war zu dieser Zeit eine Verkehrseinrichtung für Wohlhabende, heißt es in der Festschrift des Fernmeldeamtes Osnabrück zum Jubiläum „100 Jahre Telefon in Osnabrück von 1887– 1987“.

Was ist von der Euphorie geblieben?

„Damit man auch außerhalb von Wohnung und Büro jederzeit ein Telefon in seiner Nähe hat, gibt es allein im Stadtgebiet von Osnabrück 394 öffentliche Münztelefone“, jubelte das Fernmeldeamt 1987. Die Zukunft der Telefonzelle schien rosig: Neue barrierefreie Einrichtungen, anrufbare öffentliche Münztelefone waren geplant. Im Zuständigkeitsbereich des Fernmeldeamtes Osnabrück standen 2.037 öffentliche Münztelefone. Bundesweit gab es Ende der 80er Jahre etwa 162.000 Telefonzellen. Davon sind laut Telekom heute nur noch ca. 27.000 in Betrieb. Die abgebauten Telefonhäuschen verkauft die Telekom an Liebhaber – sie werden zu Gartenhäuschen oder öff entlichen Bücherschränken.

Wo steht die schönste Telefonzelle?

Rot und glänzend – so steht sie unter großen Bäumen am Biergarten des Restaurants „Alte Posthalterei“: Eine original-britische Telefonzelle. 1984 wurde ihr Standort aus Anlass des 20-jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft mit dem englischen Derby in Derby-Platz umbenannt. 1985 überreichte Derbys Bürgermeister Ron Longdon den Osnabrückern als ganz besonderes Gastgeschenk die rote Telefonzelle. Schöner telefonieren geht kaum.

HEUTIGE STANDORTE

Einen ungefähren Überblick über den Bestand an öffentlichen Telefonen in Osnabrück bietet http://www.t-mobile.de/funkversorgung/. Die dort angezeigten freistehenden Hot Spots sind in vielen Fällen auch gleich eine Telefonzelle (i.d.R. Telefon mit Dach).

Ausgabe 15, 3/2016 | Autor: Yörn Kreib